Die Geschichten der Götter und Heroen des antiken Griechenlands sind wahrlich eine komplexe Angelegenheit. Doch mit der roten Erde Hellas unter den Füßen und den Blick wahlweise auf seine karstige Landschaft oder das Meer gerichtet, macht es ziemlich viel Vergnügen, sich den Mythen über das griechische Leben, das aus dem Chaos entstand, zu nähern.
Daher werfen wir von Zeit zu Zeit ein Schlaglicht auf den weit verzweigten Stammbaum der Götter und ihrer sterblichen Gefährten, den Heroen.
Zu letzteren gehört auch Palamedes, berühmt für seine Weisheit und Gerechtigkeit. Doch nicht nur aufgrund dieser wahrlich erstrebenswerten Tugenden machte er von sich reden, sondern auch, weil ihm der Ruf des Klügsten unter den Sterblichen anhaftete. So soll er Buchstaben, Würfel, Brettspiele wie Schach, Backgammon und Dame sowie Maße und Gewichte ersonnen haben. Danke, Palamedes!

Statue des Palamedes, italienische Nachbildung


Seine Geschichte fand indes ein trauriges Ende, denn sein ausgezeichneter Ruf und steigendes Ansehen brachte ihm unweigerlich Neider ein. Allen voran Odysseus. Dessen Missgunst steigerte sich noch, als Palamedes von Apollo höchstpersönlich auserwählt wurde, eine Opfergabe aus hundert Rindern (sog. Hekatombe) auszusuchen und die Opfertiere sodann höchstpersönlich zu Apollos heiliger Stätte zu führen.
Zur Missgunst in dieser Angelegenheit gesellte sich schließlich tödliche Rache. Odysseus hatte sich der Teilnahme des Trojanischen Krieges entziehen wollen und hierfür Wahnsinn vorgetäuscht. Den verwirrten Bauer mimend, pflügte er ununterbrochen mit einem ungewöhnlichen Gespann aus Ochse und Pferd und streute Salz statt Samen in die Furchen. Es war ausgerechnet Palamedes, der ihn durchschaute und die List offenlegte, indem er den Sohn Odysseus, Telemachos, vor den Pflug legte. Die durchdachte Strategie, mit der Odysseus den Pflug anhob, um seinen Sohn nicht zu verletzten, legte seinen durchaus klaren Verstand offen mit der Folge, dass er sich dem griechischen Heere anschließen musste.
Wie sich rächen? Dafür versteckte Odysseus eigenhändig Geld in Palamedes Zelt, fingierte einen im Namen des Königs von Troja, Priamos, geschriebenen Brief, in dem dieser sich für einen Verrat des Heeres bedankte und ihm zusammen mit diesen Zeilen Geld übersandte. Der Brief geriet, gut gesteuert, in die Hände der Fürstenversammlung mit Odysseus als Vorsitzenden, die Palamedes zum Tod durch Steinigung verurteilten.
Palamedes durchschaute den Trug, wusste aber, dass er ihn nicht aufklären konnte. Und als ihn bereits die ersten Steine trafen rief er: „Freue dich, Wahrheit, du bist noch vor mir gestorben!“
Wir befänden und nicht inmitten der Griechischen Mythologien, wenn die Geschichte hiermit ein Ende nähme. Nemesis, die Göttin der Gerechtigkeit schaute vom Himmel herab und ersann Vergeltung …
In Zusammenhang mit Odysseus ist noch ein weiterer Satz Palamedes überliefert, der per se einen Artikel über ihn rechtfertigt und hier einen allzu schönen Schlusssatz hergibt: „Wer gut zu reden versteht, sich aber für schändliche Dinge einsetzt, dessen Intelligenz werde ich niemals anerkennen.“

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